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Tropische Pflanzen verändern ihre Blütezeiten um Wochen oder Monate

Junger Botaniker im Labor mit weißem Kittel untersucht eine orange Blume und Pflanzenzeichnungen am Tisch.

Einige tropische Pflanzen blühen inzwischen Wochen früher oder später als früher; in einzelnen Fällen beträgt die Verschiebung eher Monate als Tage.

Eine neue Untersuchung über einen Zeitraum von mehr als 200 Jahren deutet darauf hin, dass solche Veränderungen in den Tropen zunehmend zum normalen Erscheinungsbild gehören und keine seltenen Ausnahmen sind.

Das ist bedeutsam, weil die Blüte eine ganze Kette ökologischer Wechselwirkungen in Gang setzt – von der Bestäubung über die Fruchtbildung bis zu den Nahrungszyklen jener Tiere, die auf diese Pflanzen angewiesen sind.

Geleitet wurde die Studie von Skylar Graves und Erin Manzitto-Tripp an der University of Colorado Boulder.

Die Forschenden werteten Aufzeichnungen aus Museums- und Herbariumsbeständen aus, um festzustellen, ob tropische Pflanzen ihre Blütezeiten über Generationen hinweg verändert haben. Für gemäßigte Regionen ist dieses Phänomen gut belegt, während man nahe dem Äquator häufig annahm, es spiele eine geringere Rolle.

Zwei Jahrhunderte dokumentierter Blüten

Für ihre Analyse trugen die Wissenschaftler Daten zu mehr als 8.000 Blüten zusammen, die zwischen 1794 und 2024 gesammelt wurden.

Die Proben umfassten 33 tropische Pflanzenarten. Ausgewählt wurden sie, weil sie im Jahresverlauf klar abgegrenzte Blütefenster besitzen, wodurch zeitliche Veränderungen leichter erkennbar sind.

Statt lebende Pflanzen über Jahrzehnte zu verfolgen – was in diesem Umfang nahezu unmöglich wäre –, nutzte das Team die Sammeldaten konservierter Exemplare als historische Hinweise darauf, wann die jeweilige Art blühte.

Deutliches Muster bei verschobenen Blütezeiten

Der Vergleich der Sammeldaten über die Zeit offenbarte ein klares Bild: Im Durchschnitt verlagerten sich die Blütephasen um etwa zwei Tage pro Jahrzehnt.

Auf den ersten Blick mag das gering erscheinen, doch über ein oder zwei Jahrhunderte summiert sich der Effekt schnell. Zudem können Durchschnittswerte besonders auffällige Ausreißer verdecken.

Die extremsten Fälle der Untersuchung sind bemerkenswert. Bei ghanaischen Rasselbohnensträuchern setzte die Blüte zwischen den 1950er- und den 1990er-Jahren 17 Tage früher ein.

Brasilianische Amarantbäume blühen dagegen heute etwa 80 Tage später als noch in den 1950er-Jahren.

Dabei handelt es sich nicht um geringfügige Anpassungen. Die Veränderungen sind groß genug, um die zeitliche Abstimmung zwischen Pflanzen und den von ihnen abhängigen Tieren möglicherweise durcheinanderzubringen.

Die Tropen galten als „sicher“

Die Ergebnisse fallen auch deshalb auf, weil sie eine verbreitete Annahme infrage stellen. In gemäßigten Gebieten sind saisonale Temperaturschwankungen ein wichtiger Auslöser der Blüte. Daher liegt es nahe, dass die Erwärmung dort den Zeitpunkt der Blüte verschiebt.

In den Tropen bleiben die Temperaturen über das Jahr hinweg meist konstanter. Deshalb gingen viele Wissenschaftler davon aus, dass die Blüte dort weniger empfindlich auf den Klimawandel reagieren könnte – oder zumindest auf andere Weise.

Allerdings wurde diese Annahme weitaus weniger gründlich geprüft. Ein Grund dafür ist, dass tropische Ökosysteme schwieriger zu untersuchen und langfristig deutlich schlechter überwacht sind.

Der vorliegende Datensatz widerspricht der Vorstellung, die Tropen seien abgeschirmt. Die Studie dokumentiert Veränderungen in einer Größenordnung, die jener bei Pflanzen aus gemäßigten und borealen Regionen ähnelt. Das legt nahe, dass tropische Arten auf veränderte Klimamuster ebenso reagieren können – und ebenso verletzlich sein können.

Breitere Folgen veränderter Blütezeiten

Die Blüte ist weit mehr als ein schöner Abschnitt im Leben einer Pflanze. Sie dient als Abstimmungspunkt innerhalb von Ökosystemen. Bestäuber richten ihre Wanderungen und Nahrungsaufnahme an Blütephasen aus. Pflanzenfresser sind auf verlässliche Zyklen von Blättern, Blüten und Früchten angewiesen.

Viele tropische Pflanzen benötigen außerdem fruchtfressende Tiere für die Verbreitung ihrer Samen. Wenn Fruchtverfügbarkeit und Tierverhalten nicht mehr zusammenpassen, können sich die Folgen weiter ausbreiten.

Die Studie beansprucht nicht, sämtliche ökologischen Konsequenzen erfasst zu haben; dafür wären wesentlich mehr gezielt ausgerichtete Untersuchungen nötig.

Sie weist jedoch auf das offensichtliche Risiko hin: Verschieben Pflanzen ihre Blüte, während die von ihnen abhängigen Tiere ihr Timing nicht im gleichen Tempo, oder sogar in eine andere Richtung, verändern, können lang bestehende Beziehungen zusammenbrechen.

Bestäubung und Zeitpunkt der Blüte

Man stelle sich eine Pflanze vor, die von einem bestimmten Bestäuber abhängig ist, der jedes Jahr nur während eines engen Zeitfensters in einem Gebiet vorkommt.

Wandert die Blüte aus diesem Zeitraum heraus, nimmt die Bestäubung ab. Die Pflanze bildet weniger Samen, und der Bestäuber könnte eine Nahrungsquelle verlieren.

Auch Arten, die sich von den Früchten der Pflanze ernähren oder sie als Lebensraum benötigen, können anschließend betroffen sein. In Ökosystemen mit engen und spezialisierten Verbindungen bleiben zeitliche Veränderungen nicht isoliert.

Deshalb können selbst „nur“ einige Wochen entscheidend sein. Und eine Verschiebung um 80 Tage ist etwas, das Ökologen nicht übersehen können.

Eine gewaltige Datenquelle

Besonders interessant ist, wie die Forschenden ihren Datensatz aufgebaut haben. Herbarien und Museumssammlungen werden häufig als eher traditionelle Archive zur Bestimmung von Arten betrachtet.

Die Studie erinnert daran, dass sie zugleich Zeitmaschinen sind. Eine gepresste Blüte, die 1820 gesammelt wurde, ist nicht bloß ein Exemplar: Sie dokumentiert, was zu welchem Zeitpunkt und an welchem Ort blühte – in einem Moment, den kein heute lebender Wissenschaftler beobachten konnte.

„Diese Arbeit zeigt, dass Herbariumsexemplare mehr sind als taxonomische Werkzeuge. Herbariumsexemplare bilden eine gewaltige Datenquelle, die sowohl geografisch als auch zeitlich weit größer ist, als ein einzelner Forscher im Laufe seines Lebens jemals erreichen könnte“, sagte Graves.

„Ich hoffe, dass Studien wie meine für eine stärkere Finanzierung von Herbarien und ihrer Digitalisierung weltweit überzeugen können.“

Gerade die Digitalisierung ist wichtig. Sobald diese Aufzeichnungen durchsuchbar und standardisiert sind, können Forschende zentrale Fragen zu Klima, Ökologie, Krankheiten und invasiven Arten stellen, die sich sonst nicht in diesem Umfang beantworten ließen.

Die Zukunft tropischer Verschiebungen der Blütezeit

Die Autoren sehen in ihren Ergebnissen einen Aspekt, den der Naturschutz ernst nehmen sollte, zumal tropische Regionen einen großen Teil der weltweiten Artenvielfalt beherbergen.

Verschieben sich die Blütepläne in den Tropen breitflächig, könnten die Auswirkungen von Insektenpopulationen über Vogelwanderungen bis zur Fruchtverfügbarkeit für Säugetiere reichen.

„Ich hoffe, unsere Arbeit kann Naturschutzinitiativen unterstützen, indem sie mehr Daten über die Auswirkungen des Klimawandels auf diese Ökosysteme liefert“, erklärte Graves.

„Tropische Breitengrade beherbergen die artenreichsten Ökosysteme der Erde, und dennoch sind sie am wenigsten untersucht.“

Gerade die Kombination aus hoher Biodiversität und geringer Überwachung macht diesen historischen Ansatz so wertvoll. Er hilft, Lücken zu schließen, wo langfristige ökologische Daten fehlen, und kann Gebiete hervorheben, in denen als Nächstes dringend Untersuchungen vor Ort erforderlich sind.

Die zentrale Botschaft ist vorerst einfach und etwas beunruhigend: Die Tropen sind nicht vor klimabedingten Verschiebungen im zeitlichen Ablauf geschützt, nur weil ihre Jahreszeiten weniger ausgeprägt wirken.

Viele tropische Pflanzen verändern bereits ihren Blütezeitpunkt, teils erheblich. Die Folgen könnten sich nicht nur bei den Pflanzen selbst, sondern in ganzen Nahrungsnetzen zeigen.

Die Forschung wurde in der Fachzeitschrift PLOS One veröffentlicht.

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