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Primark startet adaptive Bademode für Menschen mit Behinderung

Fünf Frauen in Badeanzügen, davon eine im Rollstuhl, stehen am Meer bei sonnigem Wetter am Strand.

Ein großer Modehändler geht einen Schritt, der den Alltag und Urlaub vieler Menschen mit Behinderung spürbar erleichtern könnte.

Während andere Marken noch über inklusive Mode diskutieren, bringt Primark eine neue Kollektion in die Geschäfte: adaptive Bademode und Freizeitkleidung, die ausdrücklich für Menschen mit Behinderung konzipiert ist. Die Stücke sollen funktional, erschwinglich und zugleich modisch sein.

Warum adaptive Bademode ein Gamechanger sein kann

Menschen, die auf medizinische Zugänge, Stomabeutel oder bestimmte Hilfsmittel angewiesen sind, kennen die Schwierigkeit: Herkömmliche Bademode sitzt häufig nicht richtig oder macht das An- und Ausziehen unnötig beschwerlich. Deshalb verzichten einige ganz auf den Besuch im Schwimmbad oder fühlen sich am Strand unwohl, weil sie ständig auf Schläuche, Beutel oder verrutschende Stoffe achten müssen.

Adaptive Bademode versucht genau diese Hürden zu reduzieren – ohne den Trägerinnen und Trägern das Gefühl zu geben, „anders“ angezogen zu sein.

Mit der neuen Linie richtet sich Primark gezielt an diese Personengruppe. Im Mittelpunkt steht ein schwarzes Tankini-Set, das wie gewöhnliche Bademode aussieht, aber mit zusätzlichen praktischen Details ausgestattet ist.

Primark-Tankini mit durchdachten Funktionen

Auf den ersten Blick wirkt der neue Tankini schlicht: schwarzer Stoff und ein klassischer Schnitt. Seine besonderen Eigenschaften zeigen sich erst bei der Verarbeitung:

  • Seitliche Öffnungen für Zugänge, etwa Ernährungssonden oder Katheter
  • Verdeckte Ziehhilfen im Bund, damit sich der Stoff leichter anheben oder zurechtrücken lässt
  • Mehr Bewegungsfreiheit durch sorgfältig platzierte Nähte und weiche Materialien

Die Oberteile liegen preislich im niedrigen zweistelligen Bereich, ebenso die dazugehörigen Höschen. Damit bleibt Primark in dem Preisrahmen, für den die Kette bekannt ist – ein wichtiger Aspekt, insbesondere für Familien mit begrenztem Budget.

Mehr als Bademode: die adaptive Kollektion

Die Bademode ist lediglich ein Bestandteil der neuen Sommererweiterung. Die adaptive Kollektion umfasst inzwischen ein kleines, aber weiter wachsendes Angebot für Frauen und Männer. Derzeit gehören unter anderem folgende Produkte dazu:

  • Tankini-Oberteil
  • Tankini-Unterteil
  • Weites Jersey-T-Shirt aus Baumwolle in Hellblau, im Damenschnitt und in XS bis XXL
  • Blaues Pyjama-Oberteil mit lockerem Schnitt in XXS bis XXL
  • Passende Pyjama-Hose aus Jersey in XXS bis XXL
  • Adaptive Stoma-Slips mit tropfenhemmender Technologie

Ergänzt wird das Angebot durch bereits eingeführte Produkte wie adaptive T-Shirts, Jeans und weitere Basics. Diese Teile markierten vor mehr als einem Jahr den Beginn der Linie.

Was adaptive Stoma-Slips bieten sollen

Für viele Patientinnen und Patienten sind vor allem die eigens entwickelten Slips für Menschen mit Stoma relevant. Sie sollen den Beutel besser halten und ihn zugleich unauffälliger verdecken. Eingearbeitete tropfenhemmende Bereiche können dazu beitragen, dass sich die Trägerinnen und Träger sicherer fühlen – besonders dann, wenn keine Toilette in unmittelbarer Nähe verfügbar ist oder schnelle Bewegungen nötig sind.

Produkt Besonderes Merkmal Einsatzbereich
Tankini Seitliche Zugangsöffnungen, Ziehhilfen im Bund Schwimmbad, Strand, Reha
Adaptive Pyjamas Lockere Passform, weicher Jersey Krankenhausaufenthalt, Reha, Alltag zu Hause
Jersey-T-Shirts Weite Form, bequeme Nähte Alltag, Therapie, Freizeit
Stoma-Slips Stützfunktion, tropfenhemmende Zonen Unterwäsche im Alltag, unterwegs, auf Reisen

Kunden-Feedback prägt die Kollektion

Primark unterstreicht, dass die Linie nicht allein am Schreibtisch entwickelt wurde, sondern in Zusammenarbeit mit Betroffenen. Seit der Einführung der ersten Produkte im Jahr 2025 habe das Team nach eigenen Angaben „sehr viel von Kundinnen und Kunden gelernt“. Erfahrungen aus dem Alltag beeinflussten die Schnittgestaltung, die Auswahl der Materialien und die Reihenfolge der Produkte.

Die Botschaft aus der Community: Kleidung muss sich an den Alltag anpassen – nicht umgekehrt.

Der Wunsch nach Bademode stand demnach vergleichsweise früh auf der Liste. Gerade die Urlaubszeit und die Freibadsaison bringen zusätzliche Herausforderungen mit sich: hohe Temperaturen, lange Tage unterwegs, nasse Kleidung und fehlende Möglichkeiten, sich ungestört umzuziehen.

Design mit Expertise: Kooperation mit Victoria Jenkins

Bei der Entwicklung der Kollektion arbeitet Primark mit der britischen Designerin Victoria Jenkins zusammen. Sie ist seit Jahren auf adaptive Mode spezialisiert und verbindet Erfahrung im Modedesign mit einem klaren Verständnis für die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung.

In sozialen Netzwerken präsentierte sie die neuen Produkte und betonte, dass Funktionalität allein nicht ausreicht. Auch Trends, Farben und Stil seien wichtig, denn Menschen mit Behinderung hätten denselben Anspruch an Mode wie alle anderen.

Adaptive Mode soll nicht nach „Spezialkleidung“ aussehen, sondern nach normaler Streetwear und Bademode – nur mit mehr durchdachten Funktionen.

Insbesondere bei jüngeren Menschen wächst der Wunsch nach Kleidung, die Hilfsmittel weder zwingend verstecken noch dauerhaft in den Vordergrund stellen muss. Ein Tankini, der wie ein gewöhnliches Kleidungsstück aussieht und dennoch Schläuche sicher aufnehmen kann, entspricht genau diesem Bedarf.

Wo die Teile erhältlich sind

Die adaptive Sommerkollektion wird in ausgewählten Filialen in Großbritannien verkauft. Kundinnen und Kunden können die Produkte dort wie üblich im Geschäft anprobieren oder sie vorab über „Click & Collect“ reservieren. Der Online-Einkauf erleichtert vielen Betroffenen die Auswahl, da sie in Ruhe prüfen können, ob Passform und Funktionen ihren medizinischen Anforderungen entsprechen.

Für den deutschsprachigen Raum ist die Situation weiterhin ungeklärt. Betroffene und Verbände fordern seit längerer Zeit, dass große Handelsketten adaptive Mode nicht nur im Ausland anbieten, sondern auch flächendeckend in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Der Schritt von Primark könnte den Druck auf andere Händler erhöhen, vergleichbare Linien aufzubauen.

Was adaptive Mode im Alltag leisten soll

Der Begriff „adaptive Mode“ wird zunehmend verwendet, bleibt jedoch häufig ungenau. Im Kern geht es darum, Kleidung an unterschiedliche körperliche Voraussetzungen anzupassen, ohne Menschen optisch zu stigmatisieren. Zu den typischen Merkmalen zählen beispielsweise:

  • Verdeckte Reißverschlüsse oder Druckknöpfe statt schwer zu bedienender Knöpfe
  • Magnetverschlüsse, die sich mit einer Hand schließen lassen
  • Flache Nähte und weiche Materialien für empfindliche Haut
  • Speziell geformte Bereiche für Stomabeutel oder Katheter
  • Längere Reißverschlüsse an Hosenbeinen für Orthesen oder Prothesen

Im Alltag kann das bedeuten, dass sich Menschen wieder selbstständig anziehen können, weniger Beschwerden durch drückende Nähte haben oder nicht ständig befürchten müssen, dass Hilfsmittel verrutschen.

Chancen und Grenzen des Trends

Der Einstieg eines Billiganbieters in adaptive Mode hat zwei Seiten. Positiv ist, dass die Produkte für viele Menschen dadurch überhaupt erst bezahlbar werden. Spezialisierte Nischenmarken verlangen oft deutlich höhere Preise, weil sie in kleinen Stückzahlen produzieren. Gleichzeitig besteht das Risiko, dass Funktionalität und Haltbarkeit unter dem Kostendruck leiden.

Verbraucherinnen und Verbraucher sollten daher genau darauf achten, ob sich die Nähte sauber anfühlen, die Zugänge tatsächlich an den benötigten Stellen liegen und das Material auch im nassen Zustand nicht scheuert. Bei medizinischen Fragen kann es sinnvoll sein, sich mit behandelndem Fachpersonal oder Selbsthilfegruppen auszutauschen, die Erfahrungen mit bestimmten Schnitten und Materialien haben.

Für viele Betroffene kann bereits ein erstes preisgünstiges Kleidungsstück ein wichtiger Anfang sein. Wer sich mit einem Tankini am Baggersee endlich sicher genug fühlt, wieder schwimmen zu gehen, gewinnt ein Stück Lebensqualität zurück. Und je sichtbarer dieser Bedarf im Massenmarkt wird, desto eher dürften weitere Marken folgen – mit einer größeren Größenauswahl, mehr Designs und hoffentlich auch einer Verfügbarkeit im deutschsprachigen Handel.

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