Abgesehen von extremen Waldbränden – wie der jüngsten Tragödie in Fontainebleau – kann der Mensch Feuer ertragen und wird von diesem zerstörerischen Element sogar regelrecht in den Bann gezogen. Das Flackern der Flammen, ihr Knistern, die abgestrahlte Wärme und das Licht: Fast alle haben schon einmal reglos in die Glut geschaut, mit leerem Kopf und festgehaltenem Blick. Unsere Art lernte vor ungefähr 400.000 Jahren, Feuer zu kontrollieren, und doch betrachten wir es als hätte dieses mit der Natur geschlossene Bündnis nichts von seinem ursprünglichen Zauber eingebüßt.
Warum Feuer uns bis heute fasziniert
Feuer kann Speisen garen, wärmen, Licht spenden und uns unter bestimmten Umständen schützen. Diese praktischen Aufgaben allein erklären jedoch nicht, warum wir ein so instinktives Bedürfnis nach ihm verspüren. Für Daniel M. T. Fessler, Evolutionsanthropologe an der University of California in Los Angeles, behält Feuer seine Anziehungskraft, weil wir es im Erwachsenenalter nie vollständig beherrschen.
Faszination als Folge fehlender Erfahrung
Bei Feldforschungen in Gemeinschaften auf Sumatra in Indonesien beobachtete Fessler Kinder, die täglich mit Feuer umgehen. Sobald sie laufen können, sind sie ihm ausgesetzt; mit etwa zehn Jahren beherrschen sie es vollkommen. Danach lässt ihr Interesse nach: „Sobald man die Kunst des Feuermachens beherrscht, verliert man letztlich einfach das Interesse daran“, erläutert der Forscher.
In diesem nachlassenden Interesse erkennt Fessler ein Konzept der Evolutionspsychologie, das als „lernbezogene Bereitschaft“ bezeichnet wird. Es geht von einer Arbeitsteilung zwischen dem Angeborenen und dem Erlernten aus. Unsere von Flammen angezogenen Vorfahren könnten ihren Nutzen schneller erlernt haben als jene ohne dieses Interesse und dadurch bessere Überlebenschancen gehabt haben. Die Anziehung wäre somit weitergegeben worden, während die Technik jede Generation erneut erwerben musste. Ist das Können vorhanden, verliert dieses Erbe seinen Zweck und verblasst.
Feuer beruhigt Körper und Geist
Neben dieser evolutionären Ebene beeinflusst Feuer auch unseren Organismus. Um dies zu untersuchen, führte Christopher Lynn, Anthropologe an der University of Alabama, eine Studie durch. Er maß den Blutdruck von Freiwilligen vor einem Feuer: Teils sahen sie nur Bilder eines Kamins, teils wurden diese Bilder vom Knistern der Flammen begleitet. Während sie das Feuer betrachteten, sank ihr Blutdruck; und je länger sie vor den Flammen blieben, desto stärker fiel er, wobei der Ton das Gefühl der Entspannung deutlich verstärkte.
Laut Lynn gleicht dieser Vorgang einer milden Form der Dissoziation: einem Zustand geistiger Abwesenheit, in den man auch versinken kann, wenn man sich in einem guten Roman oder Film verliert.
Die durch Feuer erzeugte Ruhe könnte in der Urgeschichte zudem den Zusammenhalt der ersten Menschengruppen gefördert haben. Der französische Prähistoriker und Paläoanthropologe Henry de Lumley schrieb: „Das Feuer war ein gewaltiger Motor der Menschwerdung.“ Diese Hypothese vertrat er 2006 in einem Beitrag der Fachzeitschrift Comptes Rendus Palevol. Mit „Menschwerdung“ ist jener Prozess gemeint, der uns von anderen Primaten trennte. Dabei könnten die ersten eingerichteten Feuerstellen, die vor rund 400.000 Jahren auftauchten, eine zentrale Rolle gespielt haben. Beim Blick auf einen Grill oder Kamin gedankenverloren abzuschweifen, ist vermutlich eine der ältesten Beschäftigungen unserer Art – Ausdruck eines paläolithischen Instinkts, den der Komfort der Moderne niemals erstickt hat.
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