Die vertraute Reihe wuchtiger Hängeschränke über der Arbeitsplatte verschwindet zunehmend. An ihre Stelle tritt eine Kombination aus tiefen Schubladen und schlanken Regalen, die im Raum mehr Platz, Licht und Bewegungsfreiheit schafft.
Warum hohe Hängeschränke plötzlich aus der Mode kommen
Über Jahrzehnte hinweg zielte die Küchenplanung darauf ab, Stauraum möglichst weit nach oben zu verlagern. Die Überlegung war nachvollziehbar: kleine Wohnungen, viele Dinge – also sollten die Wände genutzt werden. Das Ergebnis war jedoch oft wenig angenehm. Hohe Schränke nahmen Tageslicht, verdichteten die Blickachse und liessen kompakte Räume beengt wirken.
Innenarchitektinnen und Innenarchitekten berichten inzwischen von einem deutlichen Wandel bei den Wünschen ihrer Kundschaft. Küchen sollen luftig und entspannt wirken, eher wie ein Wohnraum als wie ein Stauraummodul mit Kochfeld. Freie Sichtachsen, ruhige Wände und möglichst wenig visuelle Unruhe zählen heute mehr als ein zusätzlicher Schrank.
„Die neue Priorität bei der Küchenplanung ist horizontale Ruhe: freie Wände, Stauraum im unteren Bereich, weniger optische Barrieren und besseres Licht.“
Der Trend passt zu einer umfassenderen Hinwendung zum Minimalismus. Küchen dienen heute als Arbeitsplatz, sozialer Treffpunkt und Hintergrund für Videoanrufe. Überladene Oberschränke erscheinen deshalb nicht mehr zeitgemäss. Planer reduzieren massive Bauteile und geben dem Raum Gelegenheit, „zu atmen“.
Die Alternative zu Hängeschränken: tiefe Schubladen und minimalistische Regale
Die wichtigste Alternative zu klassischen Hängeschränken ist erstaunlich unkompliziert. Statt Schränke übereinander zu stapeln, wird Stauraum nach unten verlegt und breiter verteilt:
- grossvolumige Schubladen oder Auszüge in Unterschränken
- leichte, offene Wandregale
Diese Kombination löst zwei lange bekannte Probleme: den umständlichen Zugriff auf obere Ablagen und das unsichtbare Durcheinander im hinteren Bereich tiefer Schränke. Alles liegt näher zur Hand und lässt sich wesentlich einfacher ordnen.
Tiefe Schubladen, die den gesamten Schrank nutzen
Moderne Küchenschubladen haben kaum noch etwas mit den instabilen Besteckeinsätzen vergangener Zeiten gemeinsam. Viele Systeme reichen heute über die gesamte Schranktiefe, laufen auch bei schweren Töpfen leichtgängig und bieten Inneneinteilungen für eine präzise Organisation.
„Auszüge in Unterschränken verwandeln vergessene, dunkle Ecken in sichtbaren, gut erreichbaren Stauraum – kein Bücken und Kramen mehr im hinteren Teil eines Schranks.“
Planer heben mehrere praktische Vorteile hervor:
- Bessere Ergonomie: Gegenstände befinden sich auf Hüft- oder Taillenhöhe, sodass man hebt statt sich zu strecken.
- Volle Übersicht: Ein Auszug genügt, und der gesamte Inhalt ist sichtbar.
- Tatsächliche Kapazität: Tiefe Schubladen nutzen die gesamte Schranktiefe aus, häufig wirksamer als übereinanderliegende Böden.
Wenn Teller, Gläser, Töpfe und Vorräte in Schubladen untergebracht werden, stellen viele Haushalte fest, dass sie hohe Hängeschränke gar nicht mehr „brauchen“.
Minimalistische Regale halten die Wände leicht
An Stellen, an denen früher schwere Schränke hingen, montieren Planer heute schmale Regale, meist aus Holz, Metall oder im selben Dekor wie die Arbeitsplatte. Sie sollen die Wand akzentuieren, nicht verdecken.
Auf diesen Regalen stehen häufig:
- täglich verwendete Tassen und Schalen
- Kaffeezubehör und Frühstücksgläser
- Olivenöl, Gewürze und Schneidebretter
- einige dekorative Elemente wie Pflanzen oder Kochbücher
„Offene Regale halten das Wesentliche griffbereit und bewahren zugleich das wertvolle Gefühl von Raum über der Arbeitsplatte.“
Die offene Gestaltung fördert zudem das regelmässige Aussortieren. Wer sieht, was vorhanden ist, sammelt doppelte Gegenstände und ungenutzte Küchenhelfer weniger leicht unbemerkt an.
Wie der Verzicht auf Hängeschränke das Küchengefühl verändert
Eine ganze Reihe von Oberschränken zu entfernen, verändert die Raumwirkung überraschend stark. Wände erscheinen höher, Fenster wirken grösser und selbst ein schmaler Küchenraum gewinnt an Weichheit und Grosszügigkeit.
Tageslicht, das zuvor von geschlossenen Fronten abgeschirmt wurde, kann nun freier auf die Arbeitsplatten fallen. Dadurch kann tagsüber der Bedarf an starkem Kunstlicht sinken, während die Küche abends einladender wirkt.
Auch psychologisch verschiebt sich etwas. Wenn weniger Stauraum direkt im Blickfeld liegt, wählen Menschen tendenziell bewusster aus. Aus „Hier lebt alles“ wird „Hier gehört nur hinein, was wir wirklich benutzen“. Diese Haltung passt zu modernem, flexiblem Wohnen, besonders in kleineren Stadtwohnungen.
Küche ohne hohe Hängeschränke planen: Darauf kommt es an
Planer warnen davor, Hängeschränke einfach ohne Konzept herauszureissen. Der Wechsel funktioniert dann gut, wenn der Stauraum im gesamten Raum sorgfältig neu verteilt wird.
| Planungsaspekt | Was zu beachten ist |
|---|---|
| Stauraumvolumen | Erfassen Sie, was derzeit aufbewahrt wird, und stellen Sie sicher, dass Unterschränke es mit etwas Reserve aufnehmen können. |
| Ergonomie | Schwere Gegenstände gehören nach unten, täglich benötigte Dinge in Schubladen auf mittlerer Höhe und leichte Teile auf Regale. |
| Beleuchtung | Ergänzen Sie Unterregal- oder Unterbauleuchten, damit Arbeitsplatten auch nach Einbruch der Dunkelheit hell bleiben. |
| Belüftung | Planen Sie Dunstabzug und Spritzschutz sorgfältig, damit Kochdämpfe offenen Regalen nicht schaden. |
| Reinigung | Offene Regale müssen regelmässig abgestaubt werden; füllen Sie sie deshalb nicht zu voll mit kleinen Gegenständen. |
Für viele Haushalte eignet sich ein Mischmodell: weniger und niedrigere Hängeschränke, ergänzt durch grosszügige Schubladen sowie ein oder zwei offene Regale mit persönlichem Charakter.
Clevere Ordnungstricks für niedrigen Stauraum
Um tiefe Schubladen und niedrige Schränke optimal zu nutzen, setzen professionelle Ordnungsberater auf einfache Ergänzungen, die günstig und leicht einzubauen sind:
- verstellbare Trenner für Teller und Schalen
- hohe Behälter für Pasta, Reis und Müsli
- stufenförmige Einsätze für Konserven und Gläser
- schmale Einsätze, die verhindern, dass Küchenutensilien verrutschen
„Durchdachte Trennelemente machen aus einer einzigen grossen Schublade mehrere ruhige, vorhersehbare Bereiche, die mit sehr wenig Aufwand ordentlich bleiben.“
Diese Präzision bringt einen weiteren Vorteil: Das bekannte „schwarze Loch“ im hinteren Bereich von Schränken, in dem Lebensmittel unbemerkt ablaufen, wird kleiner. Das bedeutet weniger Verschwendung und weniger unangenehme Überraschungen.
Wer von diesem neuen Küchenlayout am meisten profitiert
Kleine Wohnungen und offen gestaltete Wohnbereiche profitieren besonders stark. In einer kombinierten Wohnküche dominieren massive Hängeschränke oft den Blick. Werden sie entfernt, wird die Grenze zwischen Koch- und Entspannungsbereich weicher, wodurch der Raum stimmiger wirkt.
Auch für ältere Eigentümerinnen und Eigentümer oder Menschen mit eingeschränkter Beweglichkeit ist dieses Layout geeignet. Tiefe Schubladen verringern den Bedarf an Tritthockern und unbequemem Greifen über Kopf. Gegenstände lassen sich nach Gewicht und Nutzungshäufigkeit anordnen, sodass alltägliche Arbeiten weniger körperliche Anstrengung verlangen.
Mögliche Nachteile und der Umgang damit
Ganz ohne Risiken ist dieser Ansatz nicht. Offene Regale ziehen vor allem in der Nähe des Kochfelds Fett und Staub an. Wer regelmässiges Putzen nicht mag, sollte Regale weiter entfernt von Kochzonen anbringen oder sie für geschlossene Behälter und leicht abwischbare Gegenstände reservieren.
Ein weiterer Punkt ist der Wiederverkauf. Manche Kaufinteressenten erwarten weiterhin Reihen von Hängeschränken, insbesondere in Familienhäusern mit viel Küchengeschirr. Eine ausgewogene Lösung kann diesen Konflikt entschärfen: Planen Sie mindestens eine Reihe Oberschränke ein, halten Sie diese aber heller und schmaler, damit das luftige Raumgefühl erhalten bleibt.
Praktische Szenarien: So funktioniert der Wechsel in echten Wohnungen
Nehmen wir eine typische schmale Londoner Küche. Zuvor waren beide Seiten mit raumhohen Hängeschränken ausgestattet, wodurch der Raum wie ein Flur wirkte. Werden die Schränke auf der Fensterseite entfernt und stattdessen zwei oder drei Eichenregale angebracht, wirkt die Küche sofort breiter. Schubladen unter der Arbeitsplatte nehmen nun Teller, Gläser und Vorräte auf, während auf den Regalen Kaffeetassen, Tee und Pflanzen Platz finden.
In einer Familienküche in einem Vorort kann die Umstellung auch nur teilweise erfolgen. Hängeschränke über dem Kühlschrank und entlang einer kurzen Wand bleiben bestehen, doch der zentrale Koch- und Spülbereich bleibt frei. So entsteht eine breite, aufgeräumte Spritzschutzfläche, die sich leicht abwischen lässt und angenehm nutzbar ist; Küchenwerkzeuge und Gewürze finden an einer schlichten Reling sowie auf einigen stabilen Regalen Platz.
Diese Beispiele verdeutlichen das Grundprinzip: Verlegen Sie die schwere Arbeit in die unteren Schränke, halten Sie den oberen Bereich leicht und behandeln Sie Stauraum als etwas, das Ihnen dienen soll, statt den Raum zu beherrschen.
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