Mehr als tausend Jahre nachdem es in der Adria versank, erzählt ein byzantinisches Schiff seine Geschichte erneut – durch Gold, Schmuck und Alltagsgegenstände. Das nahe der kroatischen Insel Mljet entdeckte Wrack beherbergt die grösste Sammlung von Goldartefakten, die je aus einem im Mittelmeer gesunkenen Schiff geborgen wurde, und liefert zugleich Hinweise auf eine Reise, deren tatsächlicher Zweck Archäologen weiterhin Rätsel aufgibt.
Was fanden Taucher auf dem Grund der Adria?
Fachleute des Kroatischen Instituts für Denkmalpflege untersuchen das Wrack seit 2015. Das Schiff, das aus dem 7. oder 8. Jahrhundert stammt, hatte goldene Gürtel mit Rubinen, Smaragden und Perlen, Münzen mehrerer byzantinischer Kaiser sowie einen Siegelring an Bord, der möglicherweise unmittelbar mit der kaiserlichen Elite verbunden war.
Nach Angaben von Igor Miholjek, dem Forschungsleiter der Abteilung für Unterwasserarchäologie des Instituts, wiegen die geborgenen Stücke nach Reinigung und Restaurierung mehr als 600 Gramm Gold. Gegenüber Reuters bezeichnete er diese Menge als aussergewöhnlich und erklärte, es handle sich um die grösste, die jemals in einem Schiffswrack im gesamten Mittelmeer gefunden worden sei.
Warum erhielt ein kleiner Ring so viel Aufmerksamkeit?
Von allen Fundstücken weckte ein goldener Siegelring besonderes Interesse. Er könnte Kaiser Herakleios darstellen, der das Byzantinische Reich von 610 bis 641 regierte. Nach Einschätzung des Kroatischen Instituts für Denkmalpflege könnte ein solcher Gegenstand einem hohen Beamten gehört haben, der dazu berechtigt war, Dokumente im Namen des Kaisers zu beglaubigen.
- Die Goldgürtel sind mit Rubinen, Smaragden und Perlen verziert.
- Die Münzen stammen aus der Zeit von vier Kaisern der Herakleios-Dynastie.
- Ein Siegelring könnte von einer Person aus der kaiserlichen Verwaltung verwendet worden sein.
- Auch Amphoren, Keramiken und Spielsteine gehörten zur Ladung.
Unklar bleibt allerdings, wer den Ring bei sich trug und weshalb er sich auf diesem Schiff befand. Gerade diese offene Frage macht das Stück zu einem wichtigen Anhaltspunkt für die Identität der Passagiere. Sollte es tatsächlich einem kaiserlichen Vertreter gehört haben, könnte das Schiff jemanden befördert haben, der mit einer politisch bedeutsamen Mission betraut war.
Kann das byzantinische Schiffswrack unser Wissen über diese Zeit verändern?
Das Schiff ging in einer frühen mittelalterlichen Epoche unter, aus der vergleichsweise wenige schriftliche Quellen erhalten sind. Francesco Borri, Mittelalterhistoriker an der Universität Ca’ Foscari in Venedig, bezeichnete diese Zeit gegenüber National Geographic als eine regelrechte Dokumentationslücke und betonte, dass archäologische Entdeckungen wie diese dazu beitragen, sie zu schliessen.
Die Ladung stellt zudem die frühere Annahme infrage, die Adria sei damals arm und nur wenig belebt gewesen. Dass Gold, Schmuck, Münzen und gewöhnliche Handelswaren gemeinsam transportiert wurden, deutet darauf hin, dass Seerouten weiterhin unterschiedliche Regionen verbanden und wertvolle Güter im Mittelmeerraum zirkulierten.
Weshalb befand sich so viel Gold auf einem einzigen Schiff?
Genau darin liegt das zentrale Rätsel. Einige Gürtel waren bereits mehrere Jahrzehnte alt, als das Schiff sank. Deshalb ziehen Forschende in Betracht, dass sie zum Einschmelzen und zur Weiterverarbeitung transportiert worden sein könnten. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, dass sie als diplomatische Geschenke für einen ausländischen Herrscher vorgesehen waren.
Miholjek zufolge wirkt die an Bord gefundene Zusammenstellung jedoch nicht wie ein gewöhnliches Handelsgeschäft. Luxusgegenstände lagen neben Amphoren, Keramiken und Spielsteinen. Das lässt auch folgende Deutung zu: Ein hoher Beamter könnte auf einem scheinbar normalen Frachtschiff gereist sein, während er eine diplomatische Aufgabe erfüllte.
Der Meeresgrund könnte die Antwort noch verbergen
In der Region um Mljet wurden bereits mehr als zwei Dutzend Schiffswracks entdeckt, die mit rund 2.500 Jahren Seefahrtsgeschichte verbunden sind. Das byzantinische Schiff ragt in diesem Kontext nicht nur wegen seiner Goldmenge heraus, sondern auch wegen dessen, was seine Funde über Handel, Macht und politische Beziehungen in einer noch immer von historischen Lücken geprägten Zeit verraten könnten.
Die Archäologen wollen die Gegenstände weiter untersuchen und zum Fundort zurückkehren, um nach zusätzlichen Hinweisen zu suchen. Jeder vom Grund der Adria geborgene Gegenstand kann die Forschenden der wahren Geschichte jener letzten Reise näherbringen. Solange die Identität der Passagiere unbekannt bleibt, wird das Schiffswrack ein Geheimnis bewahren, das ebenso wertvoll ist wie das Gold selbst.
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