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Chlordioxid und MMS: Warum das vermeintliche Wundermittel gefährlich ist

Junger Mann tropft Medizin in ein Glas Wasser und fasst sich an die Brust in einer modernen Küche.

Wenn etwas im Internet verspricht, jedes Problem zu heilen, klingt es wahrscheinlich zu gut, um wahr zu sein.

Ein besonders gefährliches Beispiel ist Chlordioxid. Es wird häufig unter Bezeichnungen wie „Miracle Mineral Solution (MMS)“ oder „aerober Sauerstoff“ beworben – Schlagworte, die Gesundheit und Vitalität suggerieren.

Tatsächlich können diese Produkte jedoch innerhalb weniger Stunden schwere Beschwerden auslösen und in einzelnen Fällen tödlich enden.

Entgegen der Bezeichnung ist MMS nicht einfach nur Bleichmittel. Haushaltsbleiche enthält Natriumhypochlorit, MMS hingegen Natriumchlorit – eine andere, aber ebenso giftige Chemikalie.

Chlordioxid und MMS: Gefahren nach dem Schlucken

Nach der Einnahme kann Natriumchlorit eine Methämoglobinämie verursachen. Dabei verlieren rote Blutkörperchen ihre Fähigkeit, Sauerstoff zu transportieren. Auch eine Hämolyse, also der Zerfall roter Blutkörperchen, kann ausgelöst werden, worauf Nierenversagen und der Tod folgen können.

Trifft Natriumchlorit auf Säure, etwa Magensäure, entsteht Chlordioxid – ein Bleichmittel. Die Verbindung wirkt stark antimikrobiell und kann Bakterien, Pilze sowie Viren wie SARS-CoV-2 abtöten.

Deshalb wird sie oft zur Desinfektion von Dentalgeräten und medizinischen Instrumenten wie Endoskopen verwendet. Dass sie mehr als 400 Bakterienarten wirksam abtötet, macht sie für Reinigungszwecke nützlich – nicht jedoch für die Anwendung im menschlichen Körper.

Mund und Speiseröhre sind mit mehreren Zellschichten ausgekleidet, die einen gewissen Schutz bieten. Magen und Darm sind dagegen deutlich anfälliger. Ihre Schleimhaut besteht nur aus einer Zellschicht, damit Nährstoffe effizient aufgenommen werden können – dadurch reagiert sie jedoch besonders empfindlich auf Schäden.

Aus diesem Grund führt das Schlucken von Chlordioxid häufig zu Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen und Durchfall. In schweren Fällen kann die Chemikalie die Darmwand verätzen und einen Darmdurchbruch verursachen – einen medizinischen Notfall mit hohem Sterberisiko.

Auch die Verwendung von MMS als Einlauf ist äußerst gefährlich. Chlordioxid kann die übermäßige Bildung reaktiver Sauerstoffspezies anregen – instabiler Moleküle, die Zellen schädigen und zu chronischen Darmerkrankungen beitragen. Dieser Zellstress könnte sowohl die akuten Beschwerden als auch die langfristigen Verletzungen in dokumentierten Fällen erklären.

Auch als Mundspülung ungeeignet

Einige Anbieter behaupten, MMS könne bedenkenlos im Mund eingesetzt werden, weil es in Reinigungsmitteln für zahnmedizinische Geräte vorkommt. Klinische Studien zeigen jedoch, dass es anderen Mundspülungen nicht überlegen ist. Zudem unterscheidet seine oxidierende Wirkung nicht zwischen schädlichen Mikroorganismen und gesunden Zellen.

Es kann Mundgeruch zwar vorübergehend verringern, stört aber zugleich die Proteinsynthese, schädigt Zellmembranen und beeinträchtigt das Darmmikrobiom – die Gemeinschaft nützlicher Bakterien, auf die wir für Verdauung und Immungesundheit angewiesen sind.

Herz, Blut und Atemwege können geschädigt werden

Chlordioxid greift nicht nur den Darm an, sondern beeinflusst auch das Herz-Kreislauf-System. Zu den dokumentierten Risiken gehören niedriger Blutdruck, Ohnmachtsanfälle und Herzschäden, einschließlich Schlaganfall und Schock.

In manchen Fällen führt es zu einer gefährlichen Bluterkrankung, der disseminierten intravasalen Gerinnung (DIC). Dabei kommt es zunächst zu einer abnormalen Blutgerinnung, anschließend zu schweren Blutungen und möglicherweise zu Organversagen, Schlaganfall oder Tod.

Chlordioxid reizt außerdem die Atemwege. Das Einatmen kann Nase, Rachen und Lunge entzünden und bei schweren Verläufen Atemnot auslösen – insbesondere bei wiederholter beruflicher Belastung.

Untersuchungen bei Fabrikbeschäftigten belegen, dass selbst geringe Dosen Nasenentzündungen, Husten und Atemprobleme verursachen können. Zudem erlitten einige Menschen, die Chlordioxid zur „Behandlung“ von COVID-19 tranken, schwere chemische Lungenschäden.

Risiken für Gehirn, Hormone und Haut

Tierversuche deuten darauf hin, dass Chlordioxid das Nervensystem schädigen kann. Beobachtet wurden Entwicklungsverzögerungen, verminderte Bewegungsfähigkeit und ein langsameres Gehirnwachstum. Offenbar kann es auch die Schilddrüse beeinträchtigen und dadurch hormonelle Störungen sowie eine verzögerte Pubertät verursachen.

Damit nicht genug: Einige Personen, die Chlordioxid konsumieren, entwickeln zudem ein zerebrales Salzverlustsyndrom. Dabei verlieren die Nieren zu viel Natrium, was zu übermäßigem Wasserlassen, Dehydrierung und einem gefährlich niedrigen Blutvolumen führt.

Auch Hautkontakt ist nicht ungefährlich. Chlordioxid kann die Haut reizen; Laborstudien zeigen, dass es bei hohen Konzentrationen Hautzellen abtöten kann. Menschen, die es gegen Pilzinfektionen eingesetzt haben, entwickelten stattdessen eine chemische Dermatitis.

Chlordioxid kann zur Desinfektion von Krankenhausinstrumenten, Dentalgeräten und Wasserversorgungen sinnvoll sein. Daraus folgt jedoch nicht, dass es in den Körper gehört. Viele der angeblichen „Vorteile“ beruhen auf Laboruntersuchungen oder Tierversuchen – nicht auf sicheren, zugelassenen Studien mit Menschen.

Es gibt keine Belege dafür, dass das Trinken dieser Substanz irgendeine Krankheit heilt. Dagegen gibt es überwältigende Hinweise darauf, dass sie schaden oder töten kann.

Wenn Sie also ein Produkt in Versuchung führt, das mit wissenschaftlich klingender Sprache und ohne jede Regulierung Wunder verspricht, treten Sie einen Schritt zurück. Die Risiken sind real – und äußerst gefährlich.

Adam Taylor, Professor für Anatomie, Lancaster University

Dieser Artikel wird unter einer Creative-Commons-Lizenz von The Conversation erneut veröffentlicht. Lesen Sie den Originalartikel.

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